Schwerpunktthemen

(A) Minderheiten in Europa und europäische Minderheitenpolitik

„Minderheit“ ist ein Begriff, der in den völkerrechtlichen Verträgen nach dem Ersten Weltkrieg breite Verwendung fand und seither gemeinhin mit Demokratie in Verbindung gebracht wird. Wie gut die Rechte von Minderheiten in einem Nationalstaat verbrieft sind und wie konsequent diese auch zugunsten der Minderheiten umgesetzt werden, zeigen demnach den Grad der Demokratisierung in jenem Staat an. Der Inhalt des Minderheitenbegriffs ist in den letzten vier Jahrzehnten erheblich ausgeweitet worden – von nur ethnisch-sprachlich-nationalen Gruppen auf andere soziale Gruppen, die Benachteiligungen erfahren. Zudem haben in der Zwischenzeit Europarat, EU und UNO eine Reihe von supranationalen Richtlinien und Erklärungen verabschiedet, die mittlerweile in den meisten europäischen Staaten Gültigkeit haben. Leben Angehörige der Minoritäten in Europa angesichts dieser Entwicklungen frei von Diskriminierung oder Unterdrückung? Oder gibt es (alte und neue) soziale Gruppen, die mangels Rechte stets „minorisiert“ werden? Erwünscht sind Projekte, die sich dieser Fragen annehmen und die Öffentlichkeit über die Lage der Minderheiten informieren sowie nationale und supranationale Minderheitenpolitik(en) in Europa kritisch beleuchten.


(B) Equal Pay: Modelle, Erfahrungen, Zugänge

Das geschlechtsbezogene Lohngefälle (Gender Pay Gap) bildet eine breite soziale Schere, die auch in Europa kaum geschlossen ist, betrug doch der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern 2010 im EU-Schnitt noch 16, 4 % (und somit im Vergleich zu 2006 um nur 1,3 % weniger). Frauen verdienen, bezogen auf die mittleren Bruttojahreseinkommen aller unselbständig Erwerbstätigen, sogar um rund 40% weniger als Männer. Hierzulande kommt hinzu, dass der Gender Pay Gap in Österreich seit Jahren unverändert sehr hoch (25,5 %) bleibt. Diese Zahlen sind zwar u. a. durch jährliche Publikation von Berichten allgemein zugänglich, und Projekte wie der „Equal Pay Day“ machen die Öffentlichkeit auf das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen allmählich aufmerksam. Dennoch bewirken solche Informationen und Kampagnen keine (kurzfristigen) Änderungen in diesem Verhältnis der Ungleichheit. Woran liegt das? Welche Bewusstsein bildenden Maßnahmen können neben den bisher ausgearbeiteten gesetzlichen (wie verpflichtende Einkommensberichte oder Gehaltsoffenlegung bei Stellenausschreibungen) effektiv eingesetzt werden? Welche Maßnahmen sind wiederum im Bereich der Erwachsenenbildung erforderlich, um zur Herstellung von (Lohn-)Gerechtigkeit beitragen zu können?


(C) Politische Literatur – Politik in der Literatur

Die diesjährige Entscheidung, den Literaturnobelpreis einem chinesischen Autor zuzusprechen, der vielen als viel zu regimenahe erscheint, sowie die fast zeitgleiche Verleihung des Friedenspreises der deutschen Buchhandlung an einen anderen, im Exil lebenden, regimekritischen chinesischen Autor werfen wieder altbekannte Fragen bezüglich der „politischen Literatur“ auf. Was macht einen Autor oder eine Autorin zu einem/r politischen? Was bedeutet regimekritisch oder regimenahe bzw. politisch engagiert oder unpolitisch zu sein im Zusammenhang mit der Literatur? Dürfen und müssen sich nur jene SchrifstellerInnen, die in Diktaturen und autoritär geführten Staaten leben, solchen Fragen stellen, oder gelten diese auch für ihre KollegInnen in Demokratien? Wie engagiert darf Literatur sein, und wie darf/soll das Politische in der Literatur dargestellt werden, ohne dass diese ihre Autonomie einbüßt? Solche Fragen sind auch im Bereich der Erwachsenenbildung von großer Bedeutung, zumal in weiten Teilen dieses Bildungssegments, vor allem in der Bibliotheksarbeit, der Einsatz von Literatur als Lehr- und Lernmittel eine Selbstverständlichkeit darstellt. Projekte, die politische Literatur zum Gegenstand haben, sowie Projekte, die sich der Beziehung zwischen der Literatur und dem Politischen annehmen, sind gefragt.


(D) Neue Formen, Mittel und Plattformen des Politischen

Demonstriert wurde früher, heute wird okkupiert; niemand mehr verteilt Flugzettel, sondern man schreibt Blogs, Tweets und Facebook-Einträge; spontane Kundgebung wurde von flash mob und Störaktion von shit storm abgelöst; auch E-Democracy wird lanciert. Neue Mittel der Massenkommunikation, die auf aktuellen Informationstechnologien fußen, kommen seit einiger Zeit im politischen Kontext zum Einsatz und haben somit auch neue Formen der politischen Aktion zur Folge. Damit verbunden sind aber auch Plattformen des Politischen, die statt in Parteien, in NGOs oder Selbstorganisationen der Betroffenen heute vor allem in losen Zusammenkünften und Initiativen geortet werden. Viele AktivistInnen setzen auf BürgerInnenbeteiligung und Gemeinwesenarbeit. Haben klassische Formen, Mittel und Plattformen der Politik in Demokratien ausgedient? Inwieweit sind die gefundenen Alternativen nützlich und zielführend? Welche Welt- und Politikbilder stehen hinter ihnen? Welche konzeptuellen und didaktischen Auswirkungen haben diese Entwicklungen insgesamt auf die (politische) Erwachsenenbildung?


(E) Barrierefreiheit in der Erwachsenenbildung und den öffentlichen Büchereien

Die Rede vom Lebenslangen Lernen ist inzwischen zum Bestandteil der Erwachsenenbildung geworden, doch gibt es nach wie vor Bevölkerungsgruppen, die aufgrund vieler Barrieren keinen oder einen erschwerten Zugang zur Bildung haben. Dabei können nicht nur Gebäude, Räumlichkeiten oder Ausstattung oft unüberwindbare Barrieren bilden, sondern eine ganze Reihe von „Selbstverständlichkeiten“ – von Webseitengestaltung über Kursprogramme bis hin zu Umgang der MitarbeiterInnen mit Angehörigen betreffender Gruppen. Barrierefreiheit erfordert zunächst das Identifizieren solcher Gruppen, die einen bedingten oder gar keinen Zugang zur (Erwachsenen-)Bildung haben, und jener Barrieren, die diesen Zustand verursachen. Barrierefreiheit würde somit nicht nur behinderten Menschen zugute kommen, sondern auch vielen weiteren Gruppen von (potenziellen) TeilnehmerInnen der Bildungsangebote – etwa Personen mit Kleinkindern, Schwangeren, älteren Menschen oder TeilnehmerInnen mit nicht deutscher Primärsprache. Projekte, die sich mit der konkreten Lage des Bildungszugangs und der hier vorhandenen Barrieren sowie in weiterer Folge mit deren Überwindung befassen, sind gesucht.

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