Schwerpunktthemen

der Projektausschreibung 2020


Bei der Projektförderung werden etwa 60 % der gesamten zur Verfügung stehenden Mittel an Projekte verteilt, die sich mit den vorgeschlagenen thematischen Schwerpunkten auseinandersetzen. Es werden jedoch auch Projekte mit anderen Themen gefördert, um die Kontinuität der Bildungsarbeit zu gewährleisten.


(A) Klima und soziale (Un-)Gerechtigkeit

Argumente und Maßnahmen angesichts der Klimakrise

Kaum eine Woche vergeht derzeit ohne Berichte über Klimastreiks in verschiedenen Teilen der Welt. Vor allem junge Menschen weisen auf die drastischen Folgen der Klimakrise hin und fordern politische Verantwortliche auf, endlich zu handeln. Darüber, was konkret gegen globale Erwärmung unternommen werden soll, gibt es innerhalb einer derart großen und vielfältigen Bewegung naturgemäß Differenzen. In den moralisch oder technologisch geführten Debatten, in den Appellen an individuelle Konsumverweigerung und in apokalyptischen Begriffen wie „Klimakatastrophe“ erblicken KritikerInnen die Gefahr einer Entpolitisierung der Klimabewegung. Oft wird auch eine thematische Verknüpfung der Klimakrise mit den sozialen Fragen hergestellt. Einerseits soll dadurch deutlich werden, dass vor allem vulnerable Bevölkerungsgruppen (Arme, Alte, Menschen aus dem globalen Süden etc.) am stärksten von der Klimakrise betroffen sind und die Logik des Marktes die Krise weiter verschärft. Das Konzept der Klimagerechtigkeit verweist u. a. auf diese Querverbindungen zwischen den Themenfeldern Klima und soziale Gerechtigkeit. Auf der anderen Seite versuchen bestimmte AkteurInnen und Interessengruppen, mit dem Hinweis auf wirtschafts- und sozialpolitische Auswirkungen (Stichwort: geringeres Wirtschaftswachstum, Verlust an Standortattraktivität, Abbau von Arbeitsplätzen etc.) das Ausmaß der Klimakrise in der öffentlichen Debatte zu relativieren und klimapolitische Maßnahmen zu bremsen.

Welche Argumente und Maßnahmen werden in Sachen Klimaschutz von unterschiedlichen Seiten angeführt? Wie können Individuen und Initiativen diese im eigenen politischen Handlungsfeld aufnehmen? Wie kann politische Erwachsenenbildung die Klimagerechtigkeit als eigenen Inhalt vermitteln?


(B) Zwischen Neutralität und Indoktrination

Was kann, soll und darf politische Erwachsenenbildung heute?

Wie jeder andere Bildungsbereich ist auch die politische Erwachsenenbildung gegenwärtig mit sozialen und politischen Entwicklungen konfrontiert, die ihr thematische Ergänzungen, didaktische Neuorientierungen und inhaltliche Korrekturen abverlangen. Die zunehmende sprachlich-kulturelle Diversität der Bevölkerung; die Nachwirkungen jüngerer sozialer Bewegungen (Klimaschutz, Dekolonisierung, Antidiskriminierung, globale Gerechtigkeit); der weltweite Trend zum Populismus und zu einer autoritären, „illiberalen“ Spielart der Demokratie; aktuelle Stichworte wie Fake-News, Politik der Emotionen oder Umgang mit Flucht und Migration – das sind nur einige Probleme, welche die politische Bildung vor neue Aufgaben stellen. Sie bestärken die weitverbreitete Aufforderung, politische Bildung möge die Rolle der „Feuerwehr“ übernehmen und politische Brandherde durch Bildungsarbeit rasch wieder löschen. Zu dieser schwer umsetzbaren öffentlichen Herausforderung gesellt sich eine fachinterne Herausforderung: Wie darf politische (Erwachsenen-)Bildung ihre Mission erfüllen zwischen den gegensätzlichen pädagogischen Haltungen Neutralität und Indoktrination? Das im sogenannten Beutelsbacher Konsens von 1977 formulierte Überwältigungsverbot (die TeilnehmerInnen dürfen nicht indoktriniert werden) wird heute von rechtspopulistischen Parteien zunehmend als „Neutralitätsgebot“ ausgelegt und missbraucht. Sie beteuern, die Problematisierung ihrer eigenen (autoritären/rechtspopulistischen) Ideologie sei Indoktrination, der Unterricht müsse neutral gestaltet werden. Da aber eine solche Vermittlung des – von Haus aus nicht neutralen – Politischen nicht möglich ist, droht der politischen Bildung die Gefahr, ihre Handlungsfähigkeit einzubüßen.

Wie muss sich politische Erwachsenenbildung angesichts dieser aktuellen Herausforderungen positionieren? Mit welchen didaktischen Mitteln und Inhalten soll sie heute ausgestattet sein, um sowohl den Bedürfnissen der BürgerInnen als auch dem eigenen Leitbild gerecht zu werden? Projekte mit diesen praxisorientierten Fragestellungen werden gesucht.


(C) Neuer Antisemitismus und alter Rassismus?

Aktuelle Herausforderungen in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus

In dem 2020 erscheinenden Sammelband Bildungsarbeit gegen Antisemitismus (Wochenschau Verlag) wird anhand aktueller Studien festgehalten, dass politische Bildung sich zwar weitgehend mit dem Nationalsozialismus befasse, viel weniger umfassend aber mit dem Antisemitismus. Die AutorInnen beanstanden in diesem Rahmen insbesondere den unzureichenden Gegenwartsbezug. Tatsächlich wird der Antisemitismus in der politischen Bildung nicht selten undifferenziert als eine frühere historische Erscheinungsform des Rassismus abgehandelt. Wertvolle Beiträge der Forschung (wie etwa die Analyse des „Antisemitismus ohne Juden/Jüdinnen“ oder das Wechselspiel zwischen diesem und dem „kulturalistischen Neorassismus“ gegen MigrantInnen) sind auch großteils in Vergessenheit geraten. Außerdem bezieht sich ein heute weitverbreitetes antisemitisches Ressentiment auf Israel, und auch hier fehlt oft eine (antisemitismus-)kritische Aufarbeitung des „Nahostkonflikts“ in der politischen Bildung. Hinzu kommt die aktuelle Herausforderung unter dem Titel „neuer Antisemitismus“, nämlich die „Islamisierung“ des Antisemitismus im Zusammenhang mit der Flucht und Migration aus arabisch und islamisch geprägten Regionen. In diesem Kontext kommt auf die politische Bildungsarbeit die doppelt schwierige Aufgabe zu, diese Spielart des Antisemitismus nicht zu ignorieren, aber sich (und das Thema) zugleich nicht durch rechtspopulistische und rechtsextreme Propaganda instrumentalisieren zu lassen.

Gesucht werden Projekte, die sich der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus widmen, dabei den aufgezählten neuen Herausforderungen stellen und entsprechende inhaltliche wie didaktische Kenntnisse vermitteln.


(D) Die Politik des kollektiven „Wir“

Was bedeutet „Identitätspolitik“ aus der Perspektive der politischen Bildung?

Seit den Präsidentschaftswahlen in den USA ist der Begriff Identitätspolitik wieder in aller Munde. Diese gilt gemeinhin als eine Erfindung der seit den 1960er Jahren vernehmbaren neuen sozialen Bewegungen. Forderungen nach Rechten und nach gesellschaftlicher Anerkennung der Lebensformen von Minderheiten, unterdrückten und diskriminierten sozialen Gruppen (AfroamerikanerInnen, Frauen, LGBT etc.) stehen im Zentrum jener radikalen Gegenpolitik, die nicht vordergründig auf gesamtgesellschaftliche Umwälzung, sondern auf die Interessen der jeweils eigenen Gruppe fokussiert. Die eigene kollektive (ethnische, kulturelle, sprachliche, sexuelle ...) Identität wird dabei als Quelle der politischen Stärke der Gruppe angesehen, anstatt auf universale Werte und formale Gleichheitsrechte für alle zu pochen. Geistes- und sozialwissenschaftliche Fakultäten der Universitäten wurden in den letzten Jahrzehnten zum wichtigen Schauplatz der Identitätspolitik. Mit einer heftigen Kritik ist Identitätspolitik von Anfang an konfrontiert: Als eine viel zu spezifische, gruppenzentrierte Spielart des Politischen bedeute sie das Ende allgemeingültiger ethischer Standards und somit für viele das Ende der Politik. Im Zuge des vergangenen US-Wahlkampfes wurden allerdings Stimmen laut, die behaupteten, es seien vor allem die privilegierten Schichten und Klassen, denen die vielzitierten gemeinsamen Werte und allgemeingültigen Standards eigentlich zugutekämen. Donald Trump habe auch diese Gruppen offen auf ihr Weiß-Sein, ihre Männlichkeit und Heterosexualität angesprochen und somit selbst hegemoniale Identitätspolitik betrieben. Einige SozialwissenschafterInnen behaupten wiederum, Identitätspolitik sei nicht mehr vornehmlich im akademischen Umfeld praktizierte Gegenkultur, sondern inzwischen die dominante Politikform geworden.

Gesucht werden Projekte, die u. a. folgende Fragen thematisieren: Umgang der politischen Bildung mit der Identitätspolitik; Selbstreflexion über den eigenen identitätspolitischen Bezug; kritische Auseinandersetzung mit Vor- und Nachteilen der Identitätspolitik.


(E) Freizügigkeit für Waren, nicht für Menschen?

Territoriale und soziale Mobilität im globalisierten Kapitalismus

Die Themen Migration und Flucht beherrschen in den letzten Jahrzehnten europaweit die Wahlkämpfe und die öffentlichen medialen Debatten. Da allerdings die entsprechenden Diskurse überwiegend aus der Perspektive des Aufnahmelandes geführt werden, bleibt die Frage ausgeblendet, wie es mit der Umsetzung des Rechts auf Freizügigkeit (AEMR, Art. 13) tatsächlich steht. Der globalisierte Kapitalismus wird von einem Widerspruch getragen: Während die Warenproduktion des globalen Nordens zunehmend in die Länder mit billigster Arbeitskraft (im globalen Süden) verlagert wird, ist es gerade für diese Arbeitskräfte des Südens kaum möglich, in die Länder des Nordens zu reisen. Mobilität und Freizügigkeit, die als wichtigste Errungenschaften der Globalisierung gepriesen werden, gelten somit für Waren, Kapital und Personen aus bestimmten Regionen und sozialen Schichten, nicht aber für andere Personengruppen. Oft sind es wiederum diese Gruppen mit der niedrigsten Bewegungsfreiheit, die durch bedrohliche Lebensbedingungen zu einer „Mobilität“ in Form der Flucht gezwungen werden. Diese globale Ungleichheit mit Blick auf territoriale Mobilität wird ergänzt durch die lokale Ungleichheit mit Blick auf die soziale Mobilität. Nach einer aktuellen Studie sinken die beruflichen und einkommensbezogenen Aufstiegschancen für die unteren Einkommensschichten in Österreich – Armut und Reichtum werden stärker als bisher von den Nachfolgegenerationen „geerbt“. Hinzu kommt die Theorie der Unterschichtung (Hoffmann-Nowotny), wonach die vorhandene unterste soziale Schicht zunehmend durch MigrantInnen ersetzt wird und somit für Erstgenannte der (Simulations-)Effekt eines relativen Aufstiegs eintritt – was wiederum dazu führt, dass MigrantInnen stets „ganz unten“ bleiben müssten, damit für die „inländischen“ unteren Schichten soziale Mobilität simuliert werden kann.

Projekte, die sich mit den Querverbindungen zwischen der räumlichen und der sozialen Mobilität befassen und diese als Thema der politischen Bildung aufbereiten, werden gesucht.

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